Stufe zum Glück (Kurzgeschichten etc.)

Ihre Flügel schlagen mein Herz

Alles schien mir unreal. Der Computer brummte leise, und noch immer sah ich Mal für Mal das Foto von uns beiden, das seit einer Ewigkeit, wie mir schien, mein Desktophintergrund war. Irgendwo in meinem Hinterkopf meldete sich mein kleiner, imaginärer Therapeut und erklärte, dass es sinnvoll wäre, dieses Bild zu verbannen, Helena aus meinem Leben zu verbannen, und doch starrte ich Mal für Mal in ihr Pixelgesicht. Es war vorbei, unwiederbringlich. Ich hätte wissen müssen, dass ich sie nie hätte halten können, nicht Helena, die sich Flügel zum Wegfliegen wünschte. Ich hätte glücklich sein sollen, dass sie überhaupt eine Weile mein Mädchen gewesen war – aber ich war es nicht.

Mal für Mal versank ich in Erinnerungen, so auch jetzt. Ich dachte an ihre Stupsnase, an ihre bunten Haare, an ihr Lächeln, wenn sie sich nachts zu mir rübergeschlichen hatte, an das leise Klimpern der unzähligen Ketten und Anhänger, die ihre Kleidung bedeckten. Nein, wir hatten nicht zueinander gepasst, sie, die Rebellin, und ich, der Geek. Mein Blick fiel aus dem Fenster, rüber zu ihrem Haus, und ein dumpfes Ziehen machte sich in meiner Magengegend breit. Jetzt würde die Straße uns ständig trennen. Helena würde nicht mehr nachts an mein Fenster klopfen, nie mehr. Ich seufzte.

Ich seufzte nochmals. Wäre Helena doch wenigstens weggezogen oder so, oder – ja, oder tot – nein, das zu denken war grausam. Doch es wäre wirklich leichter. Ich hätte mit der Illusion leben können, sie wollte mit mir zusammen sein, aber äußere Umstände hätten es verhindert. So allerdings – sie hatte mir offen ins Gesicht gesagt, dass ich ihr nicht genug sei, dass sie frei sein müsse. „Felix, hör zu. Es war schön mit dir. Aber ich kann das nicht mehr. Es ist unfair, dich weiter anzulügen. Ich mach Schluss.“ Helenas Stimme füllte meinen Kopf.

Ich lief zum Kühlschrank und machte ihn gewohnheitsmäßig auf, obwohl ich keinen Hunger hatte. Ich lief ins Bad, lief wieder hinaus, denn hier stand noch ihre Zahnbürste. Sie würde sie holen müssen. Der Gedanke stach mir wieder in den Bauch, ob vor Angst oder Freude wusste ich nicht zu sagen.

Ich lief auf die Veranda, wo ich mich auf den Boden setzte. Ich starrte ihr Haus an. Noch drang kein Schmerz an mein Herz, noch kämpfte ich alles zurück. Mein Verstand wusste um meinen Liebeskummer, meine Gefühle taten es noch nicht.

Und nun kommt es plötzlich über mich. Ich renne rein, weil in meinen Augen dicke Tränen drücken. Der kleine Therapeut in meinem Hinterkopf sagt mir, dass das nicht immer so sein wird, dass ich nicht für den Rest meines Lebens weinen muss, auch wenn mir gerade so ist. Den kleinen Therapeuten trete ich brutal zur Seite und heule wie ein Mädchen, denn mir ist eine Sache bewusster als alles andere: Wenn es auch nicht für den Rest meines Lebens ist, es wird für sehr lange sein.

„Helena ...“, schluchze ich erstickt.

29.7.10 12:55


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Der Himmel ist blau

Kalt flutet das bläuliche Licht durch das Badezimmer, reflektiert auf Fliesen. Aus dem Spiegel starren zwei glühende Augen. Es dauert eine Weile, ehe Daniel realisiert, dass er in den eigenen Pupillen versinkt; die schwarzen Schatten auf den Tränensäcken sind das nächste, was in seinem Bewusstsein eintrifft. Die eingefallenen Wangen, die bleichen Lippen, die fettigen Strähnen in seiner Stirn. Dumpf der hungrige Blick, dumpf auch der Bass, der durch das gesamte Haus schallt. Hungrig wonach?

Mehr, flüstert sanft sein Bauchgefühl. Er rollt behutsam, ja, liebevoll seinen linken Ärmel hoch, entblößt die Einstiche. Mehr, er kramt in seiner Tasche, mehr, er muss weg. Hier, im kalten Licht, auf kaltem Boden, in einem kalten Bad, hier, wo die Musik kalt und leblos durch die Tür wummert und sich keiner um ihn schert, keiner seiner Freunde fragt, wo er steckt, weil sie alle selbst mit Hallus und Rausch kämpfen, hier braucht er was Warmes in der Vene, um atmen zu können. Sonst ist in seiner Lunge nur Eis. Danke, nein. Er hat das Leben, keine Eltern, kein Zuhause, aber das Leben, die Party hat er im Blut und das Heroin gleich auch.

Wie er es hasst, da zu sein. Nicht weg, sondern da zu sein. Und er flucht, als er feststellt, dass ihm der gottverdammte Stoff ausgegangen ist. Er will heulen; er will doch bloß weg.

Für einen Moment wird die Mucke klar und laut. Dann schwingt die Tür wieder zu und es pocht weiterhin stumpf wie Kopfschmerz. Hereingekommen ist ein Mädel, ein hübsches sogar. Hier im kalten Licht natürlich viel zu blau. Blaublondes Haar, blaue Haut, blaue Lippen. Sie ignoriert ihn, fischt nur eine Spritze aus ihrem Handtäschchen und jagt sich das flüssige Gold in den Körper. Verwunderlich? Nein. Die Partys hier sind so, schießt es Daniel durch die Schläfen. Ihr Gesicht entspannt, und entspannt ist sie wirklich schön. In stillem Einverständnis mit dieser Schönheit, die ganz mit ihrer Erlösung beschäftigt ist, setzt er sich selbst einen Schuss von ihrem Zeug. Auch ihn holt die Erlösung. Der Himmel ist blau, nicht wahr? Blau wie das Kunstlicht dieses Badezimmers.

Und erlöst schaut sie ihm tief in die hungrigen Augen.

Engelsgleich formen ihre Lippen die Worte: „Echt geile Feier!“

„Hast du n Freund?“ Daniel schwebt.

Sie kichert. „Nee.“ Es steigert sich zu einem glockenhellen Lachen, es klingt, als hätten Beethoven, Mozart und Chopin zusammen komponiert. „Noch keinen gefunden, der nen Wrack wie mich wollte. Ficken immer, aber zum Heiraten brauchen se dann doch ihre Vorstadthausfrauen.“

„Hastn Auto?“

„Klar, warum?“ Die Frage steht in ihrer Miene geschrieben, kindlich und rein, ehrlich, ein wenig naiv vielleicht.

„Ich nich. Erst sechzehn und so. Fahrn wir nach Spanien? Jetzt?“

Und sie lacht, erfüllt das Bad mit ihrer Freude, reißt Daniel einfach mit, ist ein Wunder in Person. „Wieso denn auch nicht. Der Wagen steht vorm Gartentor.“

24.4.10 12:18


Staub zu Staub

Leer.

So fühlte er sich. So war er jetzt. Leer.

Unter den Verkehrslärm, der Tag für Tag gedämpft durch das dünne Fensterglas drang, mischte sich ein schlurfendes Geräusch. Dann sprang der Kühlschrank neben seinem Kopf leise brummend an.

Er wusste nicht, wie lange er dort schon lag. Mehrere Stunden waren es bestimmt. Dreimal hatte das leise Surren rechts von ihm schon eingesetzt, nur um eine unbestimmte Zeit später wieder aufzuhören. Das erste Mal am späten Nachmittag, als die Sonne zur Rush Hour rötliche Strahlen auf sein Gesicht gemalt hatte. Die Myriaden winziger Staubkörnchen hatten vor seinen Augen getanzt, denselben Tanz, den sie schon immer aufgeführt hatten. Auch während der heutigen Mittagspause an der Uni – wie fern sie doch schien, jetzt, da alles anders war –, auch an jenem Abend vor zwei Jahren, er erinnerte sich, als sei es gestern gewesen, als sie in genau dieser Küche ihr erstes gemeinsames Abendessen gekocht hatten. Schon in seiner Kindheit hatte er diese Staubkörnchen geliebt und beobachtet. Und jetzt trösteten sie ihn, unsichtbar in der Dunkelheit, aber der Gedanke an die illuminierende Abendsonne reichte aus, dass er sie auch jetzt vor seinem geistigen Auge erblicken konnte.

Ein Gedanke mischte sich zwischen den Staub. Wie war er hier auf den Küchenboden gekommen? In seinem leeren Kopf tauchten Bilder auf, Bilder von ihm, wie er sich im noch gelben Sonnenschein erst auf die kalten Fließen gesetzt hatte, um wieder klar zu werden, wie seine Gestalt von seiner Stimmung immer mehr hinuntergedrückt worden war, bis sich die Wellen der Geistesflut wie auch der Körper gänzlich geglättet wiederfanden. In all dem Staub.

Obwohl es nicht viel war, so hatte es ihn doch viel Zeit gekostet, es zu denken. Zäh und dickflüssig schien die Welt um ihn herum. Die Welt in ihm, die ihn durchdrang, die er atmete. Aber Zeit spielte keine Rolle. Wie spät war es? Leise kratzte das Deckelglas der Uhr über den Boden, als er die Hand hob, vor sein Gesicht hielt und die Taste drückte, welche die Ziffern zum Leuchten brachte.

22:38.

Das Kühlschrankbrummen verebbte.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Wieder konzentrierte er sich auf die Staubkörnchen, meinte, sie in seinen Lungen zu spüren. Noch ein paar Sekunden zauberte die Uhr eine matte Reflexion auf die Metalloberfläche des Kühlschranks, dann verlosch das Licht. Wieder schwebte er in der Stille. Doch jetzt war sie anders – sie war nicht mehr völlig leblos und träge wie zuvor.

Reifenquietschen und Gezeter drangen von der Straße herauf. Nein, es war vorbei. Hier konnte er nicht bleiben, nicht so, nicht mehr. Langsam, denn seine Arme spielten nur widerwillig mit, stützte er sich auf die Ellenbogen, die Handflächen, bis er aufrecht saß. In dieser Position sah er schwach das Leuchten der Straßenlaternen, weit unter ihm, am Fuße des Hochhauses, an der Zimmerdecke schimmern. Sein Denken setzte ein, aber es brauchte ein Weilchen, um etwas Verwertbares zu formen. – Ungewohnt. Ja, ungewohnt war ein gutes Wort, um dieses Erwachen in der Realität zu beschreiben.

Mit bebenden Knien stemmte er sich hoch, bis er aufrecht stand. Gefühl kehrte in seinen Leib zurück – nicht in sein Inneres, wohl aber in seinen Rumpf und seine Glieder. Ihm war kalt und er war müde. Er machte sich nicht die Mühe, den Lichtschalter zu betätigen, als er sich den Weg ins Schlafzimmer ertastete. Bevor seine Finger das metallene Bettgestell umschlossen, fiel er mehrmals über aufgetürmte Bücherstapel, Zeugnis seines Studentendaseins, doch er fühlte sich zu ausgelaugt zum Fluchen. Einfach auf die Matratze plumpsen ließ er sich, deckte sich nicht mal zu.


Augen auf. Warum war es dunkel? Dann erinnerte er sich. Bethany. Mit seinen spitzen Kanten drückte der Verlobungsring in der Hosentasche gegen seinen Oberschenkel. Sie waren nicht mehr verlobt. Sie hatte ihn abgefangen, hatte ihm den Ring behutsam in die Handfläche gelegt, hatte sich entschuldigt. Hatte gesagt, es liege an ihr, sie sei dankbar für die wundervolle gemeinsame Zeit, aber nun hätten ihre Gefühle sich verändert, sodass es einfach nur unfair sei, ihm noch einen einzigen weiteren Tag vorzugaukeln, sie wolle den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Dieses Ende hatte schal in seinem Mund geschmeckt, seine Gedanken hatten sich überschlagen; er hatte nicht geantwortet. Denn er wusste nur eines: Es war unfair dem Leben gegenüber, ihm vorzugaukeln, dass er es ohne Bethany auch nur einen weiteren Tag haben wollte. Während er dort lag, der etwas ruhigere Nachtverkehr sich durch die Straßen wälzte, manifestierte sich ein Entschluss in jeder Faser seines Seins. Weder Bethany noch er würden unfair zu irgendjemandem sein. Jetzt musste er nur noch seinen Part erfüllen.

Er war Amerikaner – in seiner Familie war es immer normal gewesen, eine Waffe zu besitzen. Seine eigene hatte er zu seinem Geburtstag bekommen, zum sechzehnten, wenn er sich nicht irrte. Wo war sie? Er hievte sich vom Bett und durchkramte seinen Nachttischschrank, noch immer im Dunkeln. Er fand nichts. Er knipste das Licht an. Er fand wieder nichts. In der Kommode? Nein. Schuhschrank? Regal? Nichts. Er musste seine ganze Wohnung durchwühlen, ehe er zu einem der letzten noch nicht ausgepackten Umzugskartons gelangte. Dort, ganz unten. Ein paar schon längst verendete Zimmerpflanzen, die zu Staub zu zerbröseln drohten, und darunter lag sie, seine Knarre. Prüfend wog er sie in der Hand. Sie war schwer und kalt und herrlich glatt an seiner Haut, und ihr Griff passte, schmiegte sich in seine Handfläche, als hätte die Waffe nie etwas anderes getan als in seiner Hand zu liegen. Es sollte so sein, er spürte es.

Draußen zog der Morgen herauf. Ein schwacher Schimmer roten Lichts durch den Smog – und der Smog war ja nichts anderes als Staub, so dachte er sich – er konnte ihn durchs Fenster sehen. Er fragte sich, ob er jemals etwas Schöneres in seinem Leben gesehen habe. Nach einer unbestimmten Zeitspanne schließlich hielt er sich die Armbanduhr vors Gesicht, ohne jedoch den Kopf von dem Sonnenspektakel abzuwenden. Das Ziffernblatt schob sich in sein Blickfeld, füllte es aus.

7:23. Die beste Zeit des Tages, wie ihm schien.

In einer Stunde würde Bethany in ihrem Auto sitzen, würde zur Uni fahren und dabei wie jeden Morgen im Fast-Food-Restaurant um die Ecke frühstücken. Und er würde da sein.

Langsam, bedächtig schlurfte er das Treppenhaus hinunter. Er hatte eine Stunde Zeit. Kleine Staubkörnchen tanzten zwischen den Geländerstangen. Er war soweit.

Genauso bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen, stetig auf die Straßenecke zu. Da riefen und redeten und rannten Leute um ihn herum, aber er sah sie nicht. Er sah nur die Straßenecke, die Straßenecke mit dem schmuddeligen Fast-Food-Restaurant.

Schließlich war er da, lehnte sich gegen die Tür. „PUSH.“ Kleine penetrante gelbe Großbuchstaben. Doch er konnte nicht drücken, er konnte sich nur anlehnen, er konnte ja kaum laufen ohne Bethany. Unter seinem Pullover drückte die Knarre kalt gegen seine Brust.

Drinnen setzte er sich an den dreckigsten Tisch, den er in der hintersten Ecke finden konnte. Er bestellte nichts. Er würde ohnehin nichts hinunterwürgen. Er saß nur da, wartete, betrachtete verträumt den Staub, der vor dem kleinen Fenster an seinem Platz tanzte. Und dann kam sie. Durchs Fenster konnte er sie sehen. Bethany.

Sie stockte kurz, als sie ins Restaurant trat und ihr Blick auf ihn fiel. Hinter ihr, das sah er schmerzlich genau, hinter ihr kam ein Typ herein, und er hätte wetten können, dass dieser Typ zu ihr gehörte, so wie er einst zu ihr gehört hatte. Doch dann beschloss Bethany, ihn zu ignorieren, sich einfach auf ihren Stammplatz zu setzen und sich an der Theke ihr Frühstück zu holen. Der Typ setzte sich neben sie. Also doch.

Sie tuschelten wie frisch Verliebte. Sie waren frisch Verliebte. Der Griff lag kalt in seiner Hand, er zitterte.

Langsam, bedächtig schritt er in die Mitte des Raumes, hob die Waffe. Bethany schrie. Wie er so dastand und sie unverwandt anstierte, musste sie denken, er wolle sie umbringen oder ihren neuen Lover oder beide. Er hob die Knarre an die Schläfe – oh, sein Blut würde sich gut auf den Ledersitzen machen – goodbye cruel world –

Bumm.

23.4.10 22:18


Kathy

Schwer atmend fahre ich hoch. Meine Hand sucht mein Messer, dass ich immer an der rechten Bettkante liegen habe. Langsam, ganz langsam wird mir bewusst, dass es nur ein Traum war, dass wir nicht von einem Clan angegriffen werden, meine kleine Schwester und ich.

Keine Ahnung, wie viel Uhr wir haben – am Himmel ist nur der rote Staub, wie immer. Wie immer wirbelt er herum, zieht Schlieren, dreht Spiralen und taucht Kanada in feuriges Dämmerlicht. Draußen summen die Grillen. Neben uns Menschen sind sie die einzigen, die den Meteoriteneinschlag vor zwei Jahren überlebt haben. Sie sind zäh.

Damals, als unser Nachbar noch lebte, sagte er immer, dass der Staub die Atmosphäre der Erde so verdichtet hat, dass ein extremer Treibhauseffekt entstand. Sogar das Licht könne diese Atmosphäre kaum passieren und deswegen wäre es nie wirklich hell oder dunkel. Der Staub verzieht die Tageszeiten so, dass es weder Tag noch Nacht gibt. Vor zwei Monaten war er auf Nahrungssuche gegangen und nicht wieder zurück gekommen. Seitdem schlagen Kathy und ich uns allein durch. Das heißt, ich schlage Kathy und mich selbst durch. Meine Schwester ist erst vier.

Unsere Eltern haben es damals nur eine Woche geschafft. Sie vertrauten der Regierung. Und die, die der Regierung vertrauten, wurden nach einer Woche von den Black Stripes bei einer Versammlung getötet. Die Black Stripes, das ist einer der größten Clans.

Kathy und ich, wir gehören keinem Clan an. Damit sind wir so ziemlich die letzten außerhalb der Clans, die es bis jetzt geschafft haben. Aber ich glaube nicht, dass wir uns noch lange vor ihnen verstecken können.

Am anderen Ende des Raumes höre ich meine Schwester leise im Schlaf weinen. Sie hat immer diese Träume, in denen wir überfallen werden. Das setzt ihr immer so zu. Vor allem in letzter Zeit.

Rasch gehe ich durch unseren Wellblechverschlag (einst das Gartenhaus unseres Nachbarn) und rüttle an ihrer Schulter. Kathy hat schmale Schultern, das kommt vom Hunger. Beim Meteoriteneinschlag war sie erst zwei. Scharf zieht Kathy die Luft durch ihre neue Zahnlücke. Sie lispelt etwas, weil ihr ein Schneidezahn ausgefallen ist. „Paul ...“

„Ich weiß, Kathy, ich weiß“, murmele ich beschwichtigend.

„Paul, sie werden kommen, noch diese Woche!“

Ich hoffe, es war nur ein schlichter Albtraum, den sie da hatte, und keine Vorahnung. Es fühlt sich so an, als umklammere etwas meine Brust, denn so eine genaue Zeitangabe hat Kathy noch nie gemacht. Sonst hieß es immer nur „bald“.

„Paul? Sie werden kommen.“

Mir wird bewusst, dass ich die Luft angehalten habe vor Schreck. Ich verziehe den Mund zu etwas, das man mit viel Fantasie Grinsen nennen könnte, und versuche, sie von etwas zu überzeugen, das ich selbst nicht glauben kann: „Nein, werden sie nicht. Es war ein Traum, nichts weiter. Ein Traum, hörst du? Ein Traum.“

Kathy nickt. Durch eine Spalte zwischen zwei Wellblechplatten betrachtet sie den roten Himmel. Dann hebt sie wieder an: „Dass Uncle Peter ihnen in die Hände fällt, hab ich auch geträumt.“

„Das war Zufall. Wir leben gefährlich. Dass dieser Traum zutraf, heißt nicht, dass es der neue auch tut.“

Wieder nickt Kathy. Aber sie glaubt mir nicht. Sonst würde sie nicht so konzentriert in den Himmel starren. Sie kann einem nicht in die Augen blicken, wenn sie lügt.

Seufzend gehe ich wieder zu meinem Feldbett. Unter dem dreckigen Edelstahlgestell bewahre ich unser Essen auf. Auch jetzt greift meine Hand in diese behelfsmäßige Vorratskammer. Ein zweiter Schock ergreift von mir Besitz, als ich nur den roten Staub unter den Fingern habe. Da muss doch noch was zu essen sein!

Hektisch wühle ich den Dreck umher, bis meine Hand etwas kaltes berührt. Ich zerre es hervor.

Eine Dose eingelegte Pfirsiche, mehr ist nicht mehr da. Ich muss auf Nahrungssuche gehen. Zu wem auch immer schicke ich ein Stoßgebet, er möge mich dabei am Leben lassen, nicht wie Uncle Peter, unseren Nachbarn. Eigentlich war er nicht unser Onkel und hieß auch nicht Peter, aber wir nannten ihn schon immer so. Und er hatte nie etwas dagegen. Nach dem Tod unserer Eltern waren wir für ihn die Kinder gewesen, die er nie hatte.

Vor unserem Verschlag hat er einen Brunnen gegraben. Ich gehe raus, knie mich hin, schöpfe etwas Wasser. Die Flüssigkeit, die ich nicht trinke, schütte ich mir über den Kopf. Es hinterlässt nasse Flecken auf meinem zerfetzten T-Shirt.

Mein Blick schweift über die rote Einöde. Einst war dies ein wunderschöner Ort gewesen, zwischen einem See und einem Nadelwald. Jetzt stehen hier nur noch ein paar tote Sträucher, so ist es überall auf der Welt, heißt es. Ich kann es nicht sagen, es gibt keine Transportmittel mehr. Wer reisen will, reist zu Fuß.

Ein paar Sekunden lang habe ich einen dicken Kloß im Hals und meine Eingeweide verkrampfen sich. Vor zwei Jahren war es hier so schön. Jetzt ist es die Hölle.

Kathy sagt, sie kommen. Gut. Sollen sie kommen. Sollen sie diesem Leben, wenn man das überhaupt noch so nennen kann, ein Ende bereiten.

Und sie sind da. Aus dem Verschlag höre ich meine Schwester schreien. Ich lasse die Plastikschüssel, die wir zum Wasserschöpfen benutzen, ohne nachdenken auf den Boden fallen. Ein Tropfen Wasser fließt auf den Boden und färbt den Staub braun. Aber das merke ich nicht, denn ich renne schon durch den leeren Türrahmen ins Innere unserer Hütte.

Hinter Kathy kniet ein Mädchen, dass früher mal in meiner Klasse war. Ich hatte nie sonderlich viel Kontakt mit ihr, aber ich meine mich zu erinnern, dass sie Zarah heißt. Meine Erinnerung an meine Klasse ist ziemlich schwach geworden, stelle ich fest. Sie reißt Kathys Kopf nach hinten, zückt ein Messer, hält es vor Kathys blanken Hals. Meine letzte lebende Verwandte muss die Augen zusammenkneifen, weil ihr der Angstschweiß in Strömen von der Stirn fließt. Aber sie ist stark. Sie macht keinen Mucks.

Im hinteren Teil der Behausung bewegt sich etwas. Mein Kopf fährt herum. Dort stehen ein paar Gestalten in der Dunkelheit. Eine ist soweit hervorgetreten, dass ich ihr Gesicht erkennen kann.

Es ist Kevin, mein ehemals bester Freund. Vor anderthalb Jahren trennten sich unsere Wege, als er sich einer Gang anschloss. Er versuchte, mich zu überreden, es ihm gleichzutun, doch ich weigerte mich.

Und jetzt steht er da, ein hämisches Grinsen auf den Lippen, den Körper rot vor Staub, wie die anderen auch. In meinem Hinterkopf erinnert sich irgendwer, dass sie sich aufgrund dieses eigentümlichen Kennzeichens den Namen Red Dusters gegeben haben.

„Hallo Paul“, sagt er, und sein Grinsen wird noch eine Spur breiter. „So sieht man sich wieder.“ Und er fügt hinzu: „Guck doch nicht so erschreckt, sonst bekomme ich noch ein schlechtes Gewissen.“ Er meint es nicht ernst. In seiner Stimme schwingt Belustigung mit.

Ich versuche, meine Augenlider nicht ganz so aufzureißen und erwidere möglichst kühl: „Was wollt ihr?“

Die Antwort ist knapp, aber deutlich. „Essen.“

Das war zu erwarten, doch ich hatte gehofft, es wäre etwas anderes. „Wir haben kein Essen.“

„Lüg mich nicht an! Euer komischer Nachbar hat es tonnenweise angekarrt!“

„Er ist verschwunden. Wir haben alles aufgebraucht.“ Das stimmt nicht ganz, aber auf die eine Dose Pfirsiche kommt es für die Dusters nicht an. Falls Kathy und ich aber je lebend hier raus kämen, wäre diese Dose für uns aber absolut wichtig.

„Du konntest noch nie gut lügen, Paul. Wo ist es?“ Er nickt in Kathys Richtung. Das Mädchen namens Zarah setzt die Klinge an und das erste Rinnsal Blut fließt.

Ich bekomme Panik, stürze zu meinem Lager und angle die Dose hervor. „Das ist alles.“ Ich weine fast.

Kevin überlegt einen Moment. Dann lässt er sich selbst auf die Knie herab und greift unters Bett. Augenblicklich zieht er eine Chipstüte hervor. „So, alles?“

„Aber ich, aber ...“ Ich bin baff. Die Tüte musste ich übersehen haben. Ich starre auf die Tüte, dann auf Kevin. Er gibt mir eine Ohrfeige. Dann wird sein Kopf rot und sein Hals dick. „Lügner! Kevin von den Red Dusters lügt man nicht an!“

Kathy schluchzt leise. Das hier ist zuviel für sie.

Kevin wird langsam violett. „Weißt du, was wir mit Lügnern machen?!“

Ich schüttele den Kopf. Ich zittere am ganzen Leib. Würde ich nicht schon sitzen, mir wären die Beine weggeknickt.

„Tim!“

„Ja, Kev?“

„Die Kleine können wir nicht brauchen. Den Großen fesselt ihr. Er wird unser neuer Henker und Folterer. Es gibt immer ein paar Stripes, Rats, Potters und Hounds, die uns nicht sagen wollen, was sie wissen.“

Mit einem zuckersüßen Lächeln, dass mir die Galle hochkommen lässt, säuselt er: „An deiner Schwester kannst du ja schon mal üben.“

23.4.10 18:04


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