Ihre Flügel schlagen mein Herz

Alles schien mir unreal. Der Computer brummte leise, und noch immer sah ich Mal für Mal das Foto von uns beiden, das seit einer Ewigkeit, wie mir schien, mein Desktophintergrund war. Irgendwo in meinem Hinterkopf meldete sich mein kleiner, imaginärer Therapeut und erklärte, dass es sinnvoll wäre, dieses Bild zu verbannen, Helena aus meinem Leben zu verbannen, und doch starrte ich Mal für Mal in ihr Pixelgesicht. Es war vorbei, unwiederbringlich. Ich hätte wissen müssen, dass ich sie nie hätte halten können, nicht Helena, die sich Flügel zum Wegfliegen wünschte. Ich hätte glücklich sein sollen, dass sie überhaupt eine Weile mein Mädchen gewesen war – aber ich war es nicht.

Mal für Mal versank ich in Erinnerungen, so auch jetzt. Ich dachte an ihre Stupsnase, an ihre bunten Haare, an ihr Lächeln, wenn sie sich nachts zu mir rübergeschlichen hatte, an das leise Klimpern der unzähligen Ketten und Anhänger, die ihre Kleidung bedeckten. Nein, wir hatten nicht zueinander gepasst, sie, die Rebellin, und ich, der Geek. Mein Blick fiel aus dem Fenster, rüber zu ihrem Haus, und ein dumpfes Ziehen machte sich in meiner Magengegend breit. Jetzt würde die Straße uns ständig trennen. Helena würde nicht mehr nachts an mein Fenster klopfen, nie mehr. Ich seufzte.

Ich seufzte nochmals. Wäre Helena doch wenigstens weggezogen oder so, oder – ja, oder tot – nein, das zu denken war grausam. Doch es wäre wirklich leichter. Ich hätte mit der Illusion leben können, sie wollte mit mir zusammen sein, aber äußere Umstände hätten es verhindert. So allerdings – sie hatte mir offen ins Gesicht gesagt, dass ich ihr nicht genug sei, dass sie frei sein müsse. „Felix, hör zu. Es war schön mit dir. Aber ich kann das nicht mehr. Es ist unfair, dich weiter anzulügen. Ich mach Schluss.“ Helenas Stimme füllte meinen Kopf.

Ich lief zum Kühlschrank und machte ihn gewohnheitsmäßig auf, obwohl ich keinen Hunger hatte. Ich lief ins Bad, lief wieder hinaus, denn hier stand noch ihre Zahnbürste. Sie würde sie holen müssen. Der Gedanke stach mir wieder in den Bauch, ob vor Angst oder Freude wusste ich nicht zu sagen.

Ich lief auf die Veranda, wo ich mich auf den Boden setzte. Ich starrte ihr Haus an. Noch drang kein Schmerz an mein Herz, noch kämpfte ich alles zurück. Mein Verstand wusste um meinen Liebeskummer, meine Gefühle taten es noch nicht.

Und nun kommt es plötzlich über mich. Ich renne rein, weil in meinen Augen dicke Tränen drücken. Der kleine Therapeut in meinem Hinterkopf sagt mir, dass das nicht immer so sein wird, dass ich nicht für den Rest meines Lebens weinen muss, auch wenn mir gerade so ist. Den kleinen Therapeuten trete ich brutal zur Seite und heule wie ein Mädchen, denn mir ist eine Sache bewusster als alles andere: Wenn es auch nicht für den Rest meines Lebens ist, es wird für sehr lange sein.

„Helena ...“, schluchze ich erstickt.

29.7.10 12:55
 


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