Der Himmel ist blau

Kalt flutet das bläuliche Licht durch das Badezimmer, reflektiert auf Fliesen. Aus dem Spiegel starren zwei glühende Augen. Es dauert eine Weile, ehe Daniel realisiert, dass er in den eigenen Pupillen versinkt; die schwarzen Schatten auf den Tränensäcken sind das nächste, was in seinem Bewusstsein eintrifft. Die eingefallenen Wangen, die bleichen Lippen, die fettigen Strähnen in seiner Stirn. Dumpf der hungrige Blick, dumpf auch der Bass, der durch das gesamte Haus schallt. Hungrig wonach?

Mehr, flüstert sanft sein Bauchgefühl. Er rollt behutsam, ja, liebevoll seinen linken Ärmel hoch, entblößt die Einstiche. Mehr, er kramt in seiner Tasche, mehr, er muss weg. Hier, im kalten Licht, auf kaltem Boden, in einem kalten Bad, hier, wo die Musik kalt und leblos durch die Tür wummert und sich keiner um ihn schert, keiner seiner Freunde fragt, wo er steckt, weil sie alle selbst mit Hallus und Rausch kämpfen, hier braucht er was Warmes in der Vene, um atmen zu können. Sonst ist in seiner Lunge nur Eis. Danke, nein. Er hat das Leben, keine Eltern, kein Zuhause, aber das Leben, die Party hat er im Blut und das Heroin gleich auch.

Wie er es hasst, da zu sein. Nicht weg, sondern da zu sein. Und er flucht, als er feststellt, dass ihm der gottverdammte Stoff ausgegangen ist. Er will heulen; er will doch bloß weg.

Für einen Moment wird die Mucke klar und laut. Dann schwingt die Tür wieder zu und es pocht weiterhin stumpf wie Kopfschmerz. Hereingekommen ist ein Mädel, ein hübsches sogar. Hier im kalten Licht natürlich viel zu blau. Blaublondes Haar, blaue Haut, blaue Lippen. Sie ignoriert ihn, fischt nur eine Spritze aus ihrem Handtäschchen und jagt sich das flüssige Gold in den Körper. Verwunderlich? Nein. Die Partys hier sind so, schießt es Daniel durch die Schläfen. Ihr Gesicht entspannt, und entspannt ist sie wirklich schön. In stillem Einverständnis mit dieser Schönheit, die ganz mit ihrer Erlösung beschäftigt ist, setzt er sich selbst einen Schuss von ihrem Zeug. Auch ihn holt die Erlösung. Der Himmel ist blau, nicht wahr? Blau wie das Kunstlicht dieses Badezimmers.

Und erlöst schaut sie ihm tief in die hungrigen Augen.

Engelsgleich formen ihre Lippen die Worte: „Echt geile Feier!“

„Hast du n Freund?“ Daniel schwebt.

Sie kichert. „Nee.“ Es steigert sich zu einem glockenhellen Lachen, es klingt, als hätten Beethoven, Mozart und Chopin zusammen komponiert. „Noch keinen gefunden, der nen Wrack wie mich wollte. Ficken immer, aber zum Heiraten brauchen se dann doch ihre Vorstadthausfrauen.“

„Hastn Auto?“

„Klar, warum?“ Die Frage steht in ihrer Miene geschrieben, kindlich und rein, ehrlich, ein wenig naiv vielleicht.

„Ich nich. Erst sechzehn und so. Fahrn wir nach Spanien? Jetzt?“

Und sie lacht, erfüllt das Bad mit ihrer Freude, reißt Daniel einfach mit, ist ein Wunder in Person. „Wieso denn auch nicht. Der Wagen steht vorm Gartentor.“

24.4.10 12:18
 


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