Staub zu Staub

Leer.

So fühlte er sich. So war er jetzt. Leer.

Unter den Verkehrslärm, der Tag für Tag gedämpft durch das dünne Fensterglas drang, mischte sich ein schlurfendes Geräusch. Dann sprang der Kühlschrank neben seinem Kopf leise brummend an.

Er wusste nicht, wie lange er dort schon lag. Mehrere Stunden waren es bestimmt. Dreimal hatte das leise Surren rechts von ihm schon eingesetzt, nur um eine unbestimmte Zeit später wieder aufzuhören. Das erste Mal am späten Nachmittag, als die Sonne zur Rush Hour rötliche Strahlen auf sein Gesicht gemalt hatte. Die Myriaden winziger Staubkörnchen hatten vor seinen Augen getanzt, denselben Tanz, den sie schon immer aufgeführt hatten. Auch während der heutigen Mittagspause an der Uni – wie fern sie doch schien, jetzt, da alles anders war –, auch an jenem Abend vor zwei Jahren, er erinnerte sich, als sei es gestern gewesen, als sie in genau dieser Küche ihr erstes gemeinsames Abendessen gekocht hatten. Schon in seiner Kindheit hatte er diese Staubkörnchen geliebt und beobachtet. Und jetzt trösteten sie ihn, unsichtbar in der Dunkelheit, aber der Gedanke an die illuminierende Abendsonne reichte aus, dass er sie auch jetzt vor seinem geistigen Auge erblicken konnte.

Ein Gedanke mischte sich zwischen den Staub. Wie war er hier auf den Küchenboden gekommen? In seinem leeren Kopf tauchten Bilder auf, Bilder von ihm, wie er sich im noch gelben Sonnenschein erst auf die kalten Fließen gesetzt hatte, um wieder klar zu werden, wie seine Gestalt von seiner Stimmung immer mehr hinuntergedrückt worden war, bis sich die Wellen der Geistesflut wie auch der Körper gänzlich geglättet wiederfanden. In all dem Staub.

Obwohl es nicht viel war, so hatte es ihn doch viel Zeit gekostet, es zu denken. Zäh und dickflüssig schien die Welt um ihn herum. Die Welt in ihm, die ihn durchdrang, die er atmete. Aber Zeit spielte keine Rolle. Wie spät war es? Leise kratzte das Deckelglas der Uhr über den Boden, als er die Hand hob, vor sein Gesicht hielt und die Taste drückte, welche die Ziffern zum Leuchten brachte.

22:38.

Das Kühlschrankbrummen verebbte.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Wieder konzentrierte er sich auf die Staubkörnchen, meinte, sie in seinen Lungen zu spüren. Noch ein paar Sekunden zauberte die Uhr eine matte Reflexion auf die Metalloberfläche des Kühlschranks, dann verlosch das Licht. Wieder schwebte er in der Stille. Doch jetzt war sie anders – sie war nicht mehr völlig leblos und träge wie zuvor.

Reifenquietschen und Gezeter drangen von der Straße herauf. Nein, es war vorbei. Hier konnte er nicht bleiben, nicht so, nicht mehr. Langsam, denn seine Arme spielten nur widerwillig mit, stützte er sich auf die Ellenbogen, die Handflächen, bis er aufrecht saß. In dieser Position sah er schwach das Leuchten der Straßenlaternen, weit unter ihm, am Fuße des Hochhauses, an der Zimmerdecke schimmern. Sein Denken setzte ein, aber es brauchte ein Weilchen, um etwas Verwertbares zu formen. – Ungewohnt. Ja, ungewohnt war ein gutes Wort, um dieses Erwachen in der Realität zu beschreiben.

Mit bebenden Knien stemmte er sich hoch, bis er aufrecht stand. Gefühl kehrte in seinen Leib zurück – nicht in sein Inneres, wohl aber in seinen Rumpf und seine Glieder. Ihm war kalt und er war müde. Er machte sich nicht die Mühe, den Lichtschalter zu betätigen, als er sich den Weg ins Schlafzimmer ertastete. Bevor seine Finger das metallene Bettgestell umschlossen, fiel er mehrmals über aufgetürmte Bücherstapel, Zeugnis seines Studentendaseins, doch er fühlte sich zu ausgelaugt zum Fluchen. Einfach auf die Matratze plumpsen ließ er sich, deckte sich nicht mal zu.


Augen auf. Warum war es dunkel? Dann erinnerte er sich. Bethany. Mit seinen spitzen Kanten drückte der Verlobungsring in der Hosentasche gegen seinen Oberschenkel. Sie waren nicht mehr verlobt. Sie hatte ihn abgefangen, hatte ihm den Ring behutsam in die Handfläche gelegt, hatte sich entschuldigt. Hatte gesagt, es liege an ihr, sie sei dankbar für die wundervolle gemeinsame Zeit, aber nun hätten ihre Gefühle sich verändert, sodass es einfach nur unfair sei, ihm noch einen einzigen weiteren Tag vorzugaukeln, sie wolle den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Dieses Ende hatte schal in seinem Mund geschmeckt, seine Gedanken hatten sich überschlagen; er hatte nicht geantwortet. Denn er wusste nur eines: Es war unfair dem Leben gegenüber, ihm vorzugaukeln, dass er es ohne Bethany auch nur einen weiteren Tag haben wollte. Während er dort lag, der etwas ruhigere Nachtverkehr sich durch die Straßen wälzte, manifestierte sich ein Entschluss in jeder Faser seines Seins. Weder Bethany noch er würden unfair zu irgendjemandem sein. Jetzt musste er nur noch seinen Part erfüllen.

Er war Amerikaner – in seiner Familie war es immer normal gewesen, eine Waffe zu besitzen. Seine eigene hatte er zu seinem Geburtstag bekommen, zum sechzehnten, wenn er sich nicht irrte. Wo war sie? Er hievte sich vom Bett und durchkramte seinen Nachttischschrank, noch immer im Dunkeln. Er fand nichts. Er knipste das Licht an. Er fand wieder nichts. In der Kommode? Nein. Schuhschrank? Regal? Nichts. Er musste seine ganze Wohnung durchwühlen, ehe er zu einem der letzten noch nicht ausgepackten Umzugskartons gelangte. Dort, ganz unten. Ein paar schon längst verendete Zimmerpflanzen, die zu Staub zu zerbröseln drohten, und darunter lag sie, seine Knarre. Prüfend wog er sie in der Hand. Sie war schwer und kalt und herrlich glatt an seiner Haut, und ihr Griff passte, schmiegte sich in seine Handfläche, als hätte die Waffe nie etwas anderes getan als in seiner Hand zu liegen. Es sollte so sein, er spürte es.

Draußen zog der Morgen herauf. Ein schwacher Schimmer roten Lichts durch den Smog – und der Smog war ja nichts anderes als Staub, so dachte er sich – er konnte ihn durchs Fenster sehen. Er fragte sich, ob er jemals etwas Schöneres in seinem Leben gesehen habe. Nach einer unbestimmten Zeitspanne schließlich hielt er sich die Armbanduhr vors Gesicht, ohne jedoch den Kopf von dem Sonnenspektakel abzuwenden. Das Ziffernblatt schob sich in sein Blickfeld, füllte es aus.

7:23. Die beste Zeit des Tages, wie ihm schien.

In einer Stunde würde Bethany in ihrem Auto sitzen, würde zur Uni fahren und dabei wie jeden Morgen im Fast-Food-Restaurant um die Ecke frühstücken. Und er würde da sein.

Langsam, bedächtig schlurfte er das Treppenhaus hinunter. Er hatte eine Stunde Zeit. Kleine Staubkörnchen tanzten zwischen den Geländerstangen. Er war soweit.

Genauso bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen, stetig auf die Straßenecke zu. Da riefen und redeten und rannten Leute um ihn herum, aber er sah sie nicht. Er sah nur die Straßenecke, die Straßenecke mit dem schmuddeligen Fast-Food-Restaurant.

Schließlich war er da, lehnte sich gegen die Tür. „PUSH.“ Kleine penetrante gelbe Großbuchstaben. Doch er konnte nicht drücken, er konnte sich nur anlehnen, er konnte ja kaum laufen ohne Bethany. Unter seinem Pullover drückte die Knarre kalt gegen seine Brust.

Drinnen setzte er sich an den dreckigsten Tisch, den er in der hintersten Ecke finden konnte. Er bestellte nichts. Er würde ohnehin nichts hinunterwürgen. Er saß nur da, wartete, betrachtete verträumt den Staub, der vor dem kleinen Fenster an seinem Platz tanzte. Und dann kam sie. Durchs Fenster konnte er sie sehen. Bethany.

Sie stockte kurz, als sie ins Restaurant trat und ihr Blick auf ihn fiel. Hinter ihr, das sah er schmerzlich genau, hinter ihr kam ein Typ herein, und er hätte wetten können, dass dieser Typ zu ihr gehörte, so wie er einst zu ihr gehört hatte. Doch dann beschloss Bethany, ihn zu ignorieren, sich einfach auf ihren Stammplatz zu setzen und sich an der Theke ihr Frühstück zu holen. Der Typ setzte sich neben sie. Also doch.

Sie tuschelten wie frisch Verliebte. Sie waren frisch Verliebte. Der Griff lag kalt in seiner Hand, er zitterte.

Langsam, bedächtig schritt er in die Mitte des Raumes, hob die Waffe. Bethany schrie. Wie er so dastand und sie unverwandt anstierte, musste sie denken, er wolle sie umbringen oder ihren neuen Lover oder beide. Er hob die Knarre an die Schläfe – oh, sein Blut würde sich gut auf den Ledersitzen machen – goodbye cruel world –

Bumm.

23.4.10 22:18
 


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