Kathy

Schwer atmend fahre ich hoch. Meine Hand sucht mein Messer, dass ich immer an der rechten Bettkante liegen habe. Langsam, ganz langsam wird mir bewusst, dass es nur ein Traum war, dass wir nicht von einem Clan angegriffen werden, meine kleine Schwester und ich.

Keine Ahnung, wie viel Uhr wir haben – am Himmel ist nur der rote Staub, wie immer. Wie immer wirbelt er herum, zieht Schlieren, dreht Spiralen und taucht Kanada in feuriges Dämmerlicht. Draußen summen die Grillen. Neben uns Menschen sind sie die einzigen, die den Meteoriteneinschlag vor zwei Jahren überlebt haben. Sie sind zäh.

Damals, als unser Nachbar noch lebte, sagte er immer, dass der Staub die Atmosphäre der Erde so verdichtet hat, dass ein extremer Treibhauseffekt entstand. Sogar das Licht könne diese Atmosphäre kaum passieren und deswegen wäre es nie wirklich hell oder dunkel. Der Staub verzieht die Tageszeiten so, dass es weder Tag noch Nacht gibt. Vor zwei Monaten war er auf Nahrungssuche gegangen und nicht wieder zurück gekommen. Seitdem schlagen Kathy und ich uns allein durch. Das heißt, ich schlage Kathy und mich selbst durch. Meine Schwester ist erst vier.

Unsere Eltern haben es damals nur eine Woche geschafft. Sie vertrauten der Regierung. Und die, die der Regierung vertrauten, wurden nach einer Woche von den Black Stripes bei einer Versammlung getötet. Die Black Stripes, das ist einer der größten Clans.

Kathy und ich, wir gehören keinem Clan an. Damit sind wir so ziemlich die letzten außerhalb der Clans, die es bis jetzt geschafft haben. Aber ich glaube nicht, dass wir uns noch lange vor ihnen verstecken können.

Am anderen Ende des Raumes höre ich meine Schwester leise im Schlaf weinen. Sie hat immer diese Träume, in denen wir überfallen werden. Das setzt ihr immer so zu. Vor allem in letzter Zeit.

Rasch gehe ich durch unseren Wellblechverschlag (einst das Gartenhaus unseres Nachbarn) und rüttle an ihrer Schulter. Kathy hat schmale Schultern, das kommt vom Hunger. Beim Meteoriteneinschlag war sie erst zwei. Scharf zieht Kathy die Luft durch ihre neue Zahnlücke. Sie lispelt etwas, weil ihr ein Schneidezahn ausgefallen ist. „Paul ...“

„Ich weiß, Kathy, ich weiß“, murmele ich beschwichtigend.

„Paul, sie werden kommen, noch diese Woche!“

Ich hoffe, es war nur ein schlichter Albtraum, den sie da hatte, und keine Vorahnung. Es fühlt sich so an, als umklammere etwas meine Brust, denn so eine genaue Zeitangabe hat Kathy noch nie gemacht. Sonst hieß es immer nur „bald“.

„Paul? Sie werden kommen.“

Mir wird bewusst, dass ich die Luft angehalten habe vor Schreck. Ich verziehe den Mund zu etwas, das man mit viel Fantasie Grinsen nennen könnte, und versuche, sie von etwas zu überzeugen, das ich selbst nicht glauben kann: „Nein, werden sie nicht. Es war ein Traum, nichts weiter. Ein Traum, hörst du? Ein Traum.“

Kathy nickt. Durch eine Spalte zwischen zwei Wellblechplatten betrachtet sie den roten Himmel. Dann hebt sie wieder an: „Dass Uncle Peter ihnen in die Hände fällt, hab ich auch geträumt.“

„Das war Zufall. Wir leben gefährlich. Dass dieser Traum zutraf, heißt nicht, dass es der neue auch tut.“

Wieder nickt Kathy. Aber sie glaubt mir nicht. Sonst würde sie nicht so konzentriert in den Himmel starren. Sie kann einem nicht in die Augen blicken, wenn sie lügt.

Seufzend gehe ich wieder zu meinem Feldbett. Unter dem dreckigen Edelstahlgestell bewahre ich unser Essen auf. Auch jetzt greift meine Hand in diese behelfsmäßige Vorratskammer. Ein zweiter Schock ergreift von mir Besitz, als ich nur den roten Staub unter den Fingern habe. Da muss doch noch was zu essen sein!

Hektisch wühle ich den Dreck umher, bis meine Hand etwas kaltes berührt. Ich zerre es hervor.

Eine Dose eingelegte Pfirsiche, mehr ist nicht mehr da. Ich muss auf Nahrungssuche gehen. Zu wem auch immer schicke ich ein Stoßgebet, er möge mich dabei am Leben lassen, nicht wie Uncle Peter, unseren Nachbarn. Eigentlich war er nicht unser Onkel und hieß auch nicht Peter, aber wir nannten ihn schon immer so. Und er hatte nie etwas dagegen. Nach dem Tod unserer Eltern waren wir für ihn die Kinder gewesen, die er nie hatte.

Vor unserem Verschlag hat er einen Brunnen gegraben. Ich gehe raus, knie mich hin, schöpfe etwas Wasser. Die Flüssigkeit, die ich nicht trinke, schütte ich mir über den Kopf. Es hinterlässt nasse Flecken auf meinem zerfetzten T-Shirt.

Mein Blick schweift über die rote Einöde. Einst war dies ein wunderschöner Ort gewesen, zwischen einem See und einem Nadelwald. Jetzt stehen hier nur noch ein paar tote Sträucher, so ist es überall auf der Welt, heißt es. Ich kann es nicht sagen, es gibt keine Transportmittel mehr. Wer reisen will, reist zu Fuß.

Ein paar Sekunden lang habe ich einen dicken Kloß im Hals und meine Eingeweide verkrampfen sich. Vor zwei Jahren war es hier so schön. Jetzt ist es die Hölle.

Kathy sagt, sie kommen. Gut. Sollen sie kommen. Sollen sie diesem Leben, wenn man das überhaupt noch so nennen kann, ein Ende bereiten.

Und sie sind da. Aus dem Verschlag höre ich meine Schwester schreien. Ich lasse die Plastikschüssel, die wir zum Wasserschöpfen benutzen, ohne nachdenken auf den Boden fallen. Ein Tropfen Wasser fließt auf den Boden und färbt den Staub braun. Aber das merke ich nicht, denn ich renne schon durch den leeren Türrahmen ins Innere unserer Hütte.

Hinter Kathy kniet ein Mädchen, dass früher mal in meiner Klasse war. Ich hatte nie sonderlich viel Kontakt mit ihr, aber ich meine mich zu erinnern, dass sie Zarah heißt. Meine Erinnerung an meine Klasse ist ziemlich schwach geworden, stelle ich fest. Sie reißt Kathys Kopf nach hinten, zückt ein Messer, hält es vor Kathys blanken Hals. Meine letzte lebende Verwandte muss die Augen zusammenkneifen, weil ihr der Angstschweiß in Strömen von der Stirn fließt. Aber sie ist stark. Sie macht keinen Mucks.

Im hinteren Teil der Behausung bewegt sich etwas. Mein Kopf fährt herum. Dort stehen ein paar Gestalten in der Dunkelheit. Eine ist soweit hervorgetreten, dass ich ihr Gesicht erkennen kann.

Es ist Kevin, mein ehemals bester Freund. Vor anderthalb Jahren trennten sich unsere Wege, als er sich einer Gang anschloss. Er versuchte, mich zu überreden, es ihm gleichzutun, doch ich weigerte mich.

Und jetzt steht er da, ein hämisches Grinsen auf den Lippen, den Körper rot vor Staub, wie die anderen auch. In meinem Hinterkopf erinnert sich irgendwer, dass sie sich aufgrund dieses eigentümlichen Kennzeichens den Namen Red Dusters gegeben haben.

„Hallo Paul“, sagt er, und sein Grinsen wird noch eine Spur breiter. „So sieht man sich wieder.“ Und er fügt hinzu: „Guck doch nicht so erschreckt, sonst bekomme ich noch ein schlechtes Gewissen.“ Er meint es nicht ernst. In seiner Stimme schwingt Belustigung mit.

Ich versuche, meine Augenlider nicht ganz so aufzureißen und erwidere möglichst kühl: „Was wollt ihr?“

Die Antwort ist knapp, aber deutlich. „Essen.“

Das war zu erwarten, doch ich hatte gehofft, es wäre etwas anderes. „Wir haben kein Essen.“

„Lüg mich nicht an! Euer komischer Nachbar hat es tonnenweise angekarrt!“

„Er ist verschwunden. Wir haben alles aufgebraucht.“ Das stimmt nicht ganz, aber auf die eine Dose Pfirsiche kommt es für die Dusters nicht an. Falls Kathy und ich aber je lebend hier raus kämen, wäre diese Dose für uns aber absolut wichtig.

„Du konntest noch nie gut lügen, Paul. Wo ist es?“ Er nickt in Kathys Richtung. Das Mädchen namens Zarah setzt die Klinge an und das erste Rinnsal Blut fließt.

Ich bekomme Panik, stürze zu meinem Lager und angle die Dose hervor. „Das ist alles.“ Ich weine fast.

Kevin überlegt einen Moment. Dann lässt er sich selbst auf die Knie herab und greift unters Bett. Augenblicklich zieht er eine Chipstüte hervor. „So, alles?“

„Aber ich, aber ...“ Ich bin baff. Die Tüte musste ich übersehen haben. Ich starre auf die Tüte, dann auf Kevin. Er gibt mir eine Ohrfeige. Dann wird sein Kopf rot und sein Hals dick. „Lügner! Kevin von den Red Dusters lügt man nicht an!“

Kathy schluchzt leise. Das hier ist zuviel für sie.

Kevin wird langsam violett. „Weißt du, was wir mit Lügnern machen?!“

Ich schüttele den Kopf. Ich zittere am ganzen Leib. Würde ich nicht schon sitzen, mir wären die Beine weggeknickt.

„Tim!“

„Ja, Kev?“

„Die Kleine können wir nicht brauchen. Den Großen fesselt ihr. Er wird unser neuer Henker und Folterer. Es gibt immer ein paar Stripes, Rats, Potters und Hounds, die uns nicht sagen wollen, was sie wissen.“

Mit einem zuckersüßen Lächeln, dass mir die Galle hochkommen lässt, säuselt er: „An deiner Schwester kannst du ja schon mal üben.“

23.4.10 18:04
 


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